May I Have This Last Dance

Sonntag, 13. September 2020 – 18.00 Uhr
Finale

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände


Béla Bartók (1881–1945)
Rumänische Volkstänze für Violine und Klavier

Mathilde Lauridon – Violine
Virginie Déjos – Klavier


Francis Poulenc (1899–1963)
Le bal masqué FP 60

Weltliche Kantate für Bariton, Oboe, Klarinette, Fagott, Cornet, Schlagzeug, Klavier, Violine, Violoncello

1. Préambule et Air de Bravoure
2. Intermède
3. Malvina
4. Bagatelle
5. La Dame aveugle
6. Caprice (après le Finale)

Pawel Konik – Bariton
Sasha Calin – Oboe
Sacha Rattle – Klarinette
Makiko Kunow – Fagott
Sebastian Berner – Cornet
Slawomir Mscisz – Schlagzeug
Zeynep Özcusa – Klavier
Elissa Cassini – Violine
Andrew Briggs – Violoncello

Virginie Déjos – Musikalische Leitung


Maurice Ravel (1875–1937)
Pavane pour une infante défunte M 10

Virginie Déjos – Klavier


Anon.:
Dance of Zalongo (Oi Souliotises) für Oboe und Mezzosopran

arr.: Art Williford (* 1983)

Sasha Calin – Oboe
Frances Pappas – Mezzosopran


Rhiannon Giddens (* 1977)
At the Purchaser’s Option with Variations

Arr.: Jacob Garchik

Elissa Cassini – Violine
Mathilde Lauridon – Violine
Corey Worley – Viola
Andrew Briggs – Violoncello


John Adams (* 1947)
John’s Book of Alleged Dances
:
– Pavane: She’s so Fine
– Toot Nipple
für Streichquartett

Elissa Cassini – Violine
Mathilde Lauridon – Violine
Corey Worley – Viola
Andrew Briggs – Violoncello


Guillaume Connesson (* 1970)
Techno Parade für Flöte, Klarinette und Klavier

Aaron Dan – Flöte
Sacha Rattle – Klarinette
Zeynep Özcusa – Klavier

Darf ich um den letzten Tanz bitten?

Es gibt viele unterschiedliche Arten und Formen von Tanzmusik. Einige davon werden in diesem Konzert präsentiert.
Ab 1904 unternahm Béla Bartók ausgedehnte Reisen durch Osteuropa und sammelte bis 1918 knapp 10.000 Volkslieder und -tänze, darunter 3.500 aus Rumänien. 1908 schrieb Bartók Tänze in Siebenbürgen auf – das Material für seine Rumänischen Volkstänze.
Francis Poulencs Le bal masqué gleicht hingegen einer musikalischen Nachtrundfahrt durch das Paris der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der erste Satz, eine Bravourarie mit Vorspiel, lässt Große Oper und Belcanto-Gesang erwarten, mündet aber in ein Music Hall-artiges Parlando. Der 2. Satz, ein Zwischenspiel, ist ein kleines Kammerkonzert für Klavier und Ensemble, das an Haydn erinnert. Im 3. Satz, Malvina, wird die damals moderne sentimentale Pseudo-Zigeuner-Walzermusik parodiert. Der Schwierigkeitsgrad des 4. Satzes, mit Bagatelle überschrieben, ist für die beiden Kontrahenten Klavier und Violine gewiss keine Kleinigkeit. Für die blinde Dame im 5. Satz, La Dame aveugle, stand eine, so der Komponist, »ungeheuer mächtige Rentnerin, die 1912 in Noge-sur-Marne wohnte«, Pate.
Der letzte Satz, eine Caprice, stellt ein Porträt des Textdichters Max Jacob dar, »so wie ich ihn kannte, als er 1920 in der Rue Gabrille am Montmartre wohnte«, so Poulenc. Mit dem Maler und Dichter, der zwischen Symbolismus und Surrealismus oszillierte und der 1915 vom Judentum zum Katholizismus konvertierte, war Poulenc eng befreundet.
Bei Maurice Ravels Pavane pour une infante défunte (Pavane für eine verstorbene Infantin) darf man sich an den spanischen Hof des 16. Jahrhunderts versetzt fühlen, wo eine kleine Prinzessin (=Infantin), die einem Gemälde von Velásquez entsprungen sein könnte, eine Pavane tanzt. Das Stück ist also nicht als Totenklage zu verstehen, wie der Titel zunächst vermuten lässt.
Art Williford, u.a. an der Juilliard School of Music ausgebildeter Komponist und Pianist, hat sich mit einer schrecklichen Episode aus dem Soulioten-Krieg um 1803 beschäftigt. Die Soulioten siedelten im 17. Jahrhundert in Epirus, einer Gegend zwischen Griechenland und Albanien. Von den Osmanen bekriegt, geriet eine Gruppe von Frauen in einen Hinterhalt in den Bergen von Zalongo. Sie verabredeten einen Massensuizid und stürzten ihre Kinder und sich selbst in die Tiefe. Daran erinnern Denkmäler und Gemälde und verschiedene albanische und griechische Volkslieder, darunter folgendes:
Lebe wohl, arme Welt,
lebe wohl, süßes Leben,
und du, mein erbarmungswürdiges Land,
lebe wohl auf immer.

Lebt wohl, Quellen,
Täler, Berge und Hügel,
lebt wohl, Quellen
und ihr, Frauen von Souli.

Weder lebt der Fisch an Land
noch die Blume im Sand,
und die Frauen von Souli
können ohne Freiheit nicht leben.

Die Frauen von Souli
Haben nicht nur überleben gelernt
sondern auch zu sterben
und Sklaverei nicht zu erdulden.

Die afroamerikanische, in klassischem Gesang ausgebildete Liedermacherin Rhiannon Giddens veröffentlichte 2016 den Song At the Purchaser’s Option (Optional für den Käufer) für Stimme und Banjo, nachdem sie in einem Buch ein Zeitungsinserat aus dem 19. Jahrhundert entdeckt hatte, das eine »bemerkenswert anstellige, gesunde Negermagd, ungefähr 22 Jahre alt« anpries; »sie hat ein Kind von ungefähr 9 Monaten, das für den Käufer optional wäre«. Der Songtext thematisiert die Gedanken der zum Kauf angebotenen Frau:

Ich habe ein Baby, aber ich werde es behalten.
Es kommt der Tag, an dem ich weine.
Aber wie kann ich ihn weniger lieben,
den kleinen Säugling an meiner Brust.
Du kannst mir meinen Körper nehmen;
du kannst mir meine Knochen nehmen;
du kannst mir mein Blut nehmen,
aber meine Seele nicht.

Zu seinem 50-jährigen Jubiläum hat das Kronos Quartet unter dem Motto 50 For the Future 25 Kompositionsaufträge für Streichquartette an junge Komponistinnen und ebenso viele an junge Komponisten vergeben, die alle in den Spielzeiten von 2015 bis 2021 uraufgeführt werden oder schon worden sind. 2017 wurde das Stück At the Purchaser’s Option with variations von Rhiannon Giddens uraufgeführt, arrangiert für Streichquartett von Jacob Garchik.
Auch John’s Book of Alleged Dances (Johns Buch vermeintlicher Tänze) von John Adams war ein Auftrag des Kronos Quartets, das es bereits 1994 uraufgeführt hatte. Der Komponist sagte zu der 10-sätzigen Suite, es seien vermeintliche Tänze, »weil die Schritte dazu erst noch erfunden werden müssen«.
Die »rohe Energie von Techno-Musik« bricht aus Guillaume Connessons Techno Parade hervor. Er hat das einsätzige Werk für Flöte,. Klarinette und Klavier mit einem durchgehend beständigen Beat komponiert, und schreibt selbst dazu: »Zwei ansteckend vitale Motive wirbeln herum und knallen aufeinander, was dem Stück zugleich einen festlichen und verstörenden Charakter verleiht. Das Heulen der Klarinette und die obsessiven Patterns des Klaviers versuchen, die rohe Energie von Techno Musik nachzuahmen. In der Mitte des Stückes jagen der Pianist und sein Notenwender die Rhythmen mit einer Bürste und mit Notenpapier (platziert auf den Saiten des Instruments), begleitet von den gequälten Klängen der Flöte (die mehr wie eine Snare Drum klingt) und den Glissandi der Klarinette. Nach dieser perkussiven Unterbrechung werden die drei Instrumente in eine rhythmische Trance hineingezogen und beenden das Stück in frenetischem Tempo.«

Michael Kerstan

Liedtexte

Le bal masqué von Francis Poulenc

Text von Max Jacob, 1876-1944,
aus: Le Laboratoire central (1921)

deutsch von Michael Kerstan

1. Préambule et Air de bravoure
Madame la Dauphine, fine, fine, fine
ne verra pas le beau film
qu’on y a fait tirer
les vers du nez
car on l’a menée en terre
avec son premier né
en terre et à Nanterre
où elle est interrée.

Quand un paysan de Chine, Chine, Chine,
veut avoir des primeurs,
il va chez l’imprimeur
ou bien chez sa voisine, sine, sine, sine.
Tous les paysans de la Chine
les avaient épiés;
pour leur mettre des bottines, tines, tines,
ils leurs coupent les pieds.

Monsieur le Comte d’Artois
est monté sur le toit
fair un compte d’ardoises, toi, toi, toi,
et voir par la lunette, nette
pour voir si la lune est
plus grosse que le doigt.

Un vapeur et sa cargaison, son, son, son,
ont échoué contre la maison.
Chipons de la graisse d’oie, doye, doye, doye,
pour en faire des canons.

1. Vorwort und Bravourarie
Madame la Dauphine, fin, fin, fin,
wird diesen schönen Film nicht sehn,
den man ihr wie
Würmer aus der Nase zieht,
denn man hat sie in die Erde gebracht
mit ihrem Erstgeborenen
in die Erde und nach Nanterre,
wo sie vergraben ist.

Wenn ein Bauer in China, Chin, Chin,
Frischgemüse haben möchte,
geht er zum Druckereibesitzer
oder eben zu seiner Nachbarin, rin, rin, rin..
Alle Bauern Chinas
wurden ausspioniert;
um ihnen die Stiefelchen anzuziehn, ziehn, ziehn,
kupieren sie ihnen die Füße.

Monsieur le Comte d’Artois
ist gestiegen auf das Dach
wo er ein Schuldenkonto aufmacht, macht, macht, macht,
und er schaut durchs Fernrohr, rohr
um zu sehn ob der Mond noch
größer als der Finger ist.

Ein Dampfer und seine Ladung, dung, dung, dung
ist gegen das Haus gestrandet.
Klau’n wir etwas Gänsefett, ett, ett, ett,
und produzieren damit Kanonen.

2. Intermède
— Tacet —

2. Zwischenspiel
— Tacet —

3. Malvina
Voilá qui j’espère vous effraye:
Mademoiselle Malvina
ne quitte plus son éventail
depuis qu’elle est morte.
Son gant gris perle est étoilé d’or.
Elle se tirebouchonne
comme une valse tzigane;
elle vient mourir d’amour
à ta porte près du grès
où l’on met les cannes.
Disons qu’elle est morte du diabéte,
morte du gros parfum
qui lui penchait le cou.
Oh! l’honnête animal si chaste
et si peu fou!

Moins gourmet que gourmande,
elle était de sang lourd,
agrégée de lettres et chargée de cours.
C’était en chapeau haut
qu’on lui faisait la cour.
Or, on ne l’aurait eue
qu’à la methode hussarde!…
Malvina, ô Fantôme, que Dieu te garde!

3. Malvina
Da ist wer, der Sie hoffentlich erschreckt:
Das Fräulein Malvina
lässt ihren Fächer nicht mehr los,
seit sie tot ist.
Ihr perlengrauer Handschuh ist goldbesternt.
Sie kringelt sich vor Lachen
wie ein Zigeunerwalzer;
sie wird vor Liebe sterben
an deiner Tür beim Sandstein,
wo man die Spazierstöcke abstellt.
Sagen wir, sie starb an Diabetes,
starb an aufdringlichem Parfüm,
das ihr das Genick geknickt.
Oh! das ehrbare Tierchen, so keusch
und so wenig verrückt!

Weniger Feinschmecker als Schlemmerin,
war sie von schwerem Geblüt,
Literaturdozentin und Lehrbeauftragte.
Es waren Hochhütige,
die ihr den Hof machten.
Oder, man hätte sie gekriegt
nur nach der Husaren Art.
Malvina, o Gespenst, Gott behüte dich.

4. Bagatelle
— Tacet —

4. Bagatelle
— Tacet —

5. La Dame aveugle
La Dame aveugle dont les yeux saignent choisit ses mots,
elle ne parle à personne de ses maux.
Elle a des cheveux pareils à la mousse,
elle porte des bijoux et des pierreries rousses.

La dame grasse et aveugle dont les yeux saignent,
écrit des lettres polies avec marges et interlignes.
Elle prend garde aux plis de sa robe de peluche,
et s’efforce de faire quelque chose de plus.

Et si je ne mentionne pas son beau frère,
c’est qu’ici ce jeune homme n’est pas en honneur,
car il s’enivre et fait s’enivrer l’aveugle
qui rit, qui rit alors de beugle.

5. Die blinde Dame
Die blinde Dame, deren Augen bluten,
wählt ihre Worte,
sie spricht mit niemandem über ihre Schmerzen.
Sie hat Haare wie Schaum,
sie trägt Schmuck und rote Juwelen.

Die fette und blinde Dame, deren Augen bluten,
schreibt höfliche Briefe mit Seitenrändern und Zwischenzeilen,
Sie achtet auf die Falten ihres Plüschkleids,
und sie bemüht sich, etwas mehr zu tun.

Und wenn ich ihren Schwager nicht erwähn‘,
dann, weil der junge Mann nicht respektabel ist,
weil er sich berauscht und die Blinde trunken macht,
die lacht, die dann brüllend lacht.

6. Caprice (après le Finale)
Réparateur perclus de vieux automobiles,
l’anachorète, hélas, a regagné son nid.
Par ma barbe, je suis trop vieillard pour Paris ;
l’angle de tes maisons m’entre dans les chevilles.
Mon gilet quadrillé a, dit-on, l’air étrusque
et mon chapeau marron va mal avec mes frusques.
Avis, c’est un placard qu’on a mis sur ma porte:
Dans ce logis tout sent la peau de chèvre morte.

6. Capriccio (nach dem Finale)
Gelähmter Instandsetzer alter Automobile,
der Einsiedler hat es leider zurück ins Nest geschafft.
Bei meinem Barte, ich bin zu alt für Paris;
Das Eck deiner Häuser dringt in meine Knöchel.
meine karierte Weste wirkt etruskisch, sagt man,
und mein kastanienbrauner Hut passt schlecht zu meiner Kleidung.
Pass auf, man hat eine Anzeige an meine Tür geklebt:
In dieser Unterkunft riecht alles nach toter Ziegenhaut.


Biografische Hinweise


Max Jacob
Art Williford
Rhiannon Giddens
John Adams
Guillaume Connesson