Double Visions

Freitag, 11. September 2020 um 19:30 Uhr
Eröffnungskonzert

Germanisches Nationalmuseum


Henry Purcell (1659 – 1695) | arr. Benjamin Britten
Sound the Trumpet Z. 323

für Sopran, Trompete und Klavier

Tamara Ivaniš – Sopran
Sebastian Berner – Trompete
Ayala Rosenbaum – Klavier


Robert Schumann (1810–1856)
Drei Romanzen op. 94 für Oboe und Klavier
I. Nicht schnell

Sasha Calin – Oboe
Ayala Rosenbaum – Klavier


Benjamin Britten (1913 – 1976)
Two Ballads for two voices and piano

für Sopran, Mezzosopran und Klavier

Tamara Ivaniš – Sopran
Frances Pappas – Mezzosopran
Ayala Rosenbaum – Klavier


Robert Schumann (1810–1856)
Drei Romanzen op. 94 für Oboe und Klavier
III. Nicht schnell

Sasha Calin – Oboe
Zeynep Özsuca – Klavier


Astor Piazzolla (1921-1992)
Histoire du Tango für Violine und Gitarre

1. Bordel 1900
2. Café 1930
3. Nightclub 1960
4. Concert d’aujourd’hui

Elissa Cassini – Violine
Jonas Khalil – Gitarre


Kurze Pause


Gilles Silvestrini (* 1961)
Hôtel des Roches noires à Trouville (Claude Monet)
aus Six Études pour Hautbois

Sasha Calin – Oboe


Arvo Pärt (1935*)
Spiegel im Spiegel

für Violoncello und Klavier

Nil Kocamangil – Violoncello
Virginie Déjos – Klavier


Igor Strawinsky (1882–1972)
Suite d’après des thèmes, fragments et morceaux de Giambatista Pergolesi
für Violine und Klavier

Anna Göckel – Violine
Virginie Déjos – Klavier

Doppelte Visionen

Zwei Menschen erkunden die Möglichkeiten, etwas Gemeinsames zu erschaffen, sei es gleichzeitig und miteinander oder mit dem Abstand von Jahrhunderten: zweifache Visionen – in der Kunst und in der Liebe.

So holt Benjamin Britten das wohl bekannteste Duett von Henry Purcell, Sound the Trumpet, aus der Barockwelt ins 20. Jahrhundert, ersetzt die beiden Kontratenöre durch eine hohe und eine tiefere Stimme und die feierlich-getragene Continuo-Begleitung des Originals durch eine enorm beschleunigte Klavierbegleitung, die statt an einen Königinnen-Geburtstag (Queen Mary, 1694) eher an eine heutige Party erinnert. Ähnlich verfährt er mit Purcells Duett No, Resistance is but vain, einem Beitrag zum Liederzyklus The Maid’s last Prayer von 1693. Dass man sich der Liebe nicht widersetzen, sondern besser ergeben sollte, das wusste ganz gewiss Robert Schumann, der seine Drei Romanzen op. 94 für Oboe und Klavier seiner Frau Clara an Weihnachten 1849 als Liebesgabe schenkte.
Um nichts anderes als Liebe, wenn auch um verflossene, geht es auch in den Two Ballads von Benjamin Britten: Bei Mother Comfort auf ein Gedicht des Librettisten von Peter Grimes, Montagu Slater, gibt es keine Hoffnung mehr, wohingegen das Lied Underneath an Abject Willow auf das Gedicht von W.H. Auden dazu auffordert, es erneut zu versuchen mit der Liebe.

Igor Strawinsky verwendete in seinem Commédia dell’Arte-Ballett Pulcinella von 1920 ebenfalls barockes Material, und zwar von Gian Battista Pergolesi, auch hier wieder eine verdoppelte Vision aus der Zeit des Barock und des 20. Jahrhunderts. In seiner Suite d’après des thèmes, fragments et morceaux de Giambatista Pergolesi, geschrieben 1925 für den und in intensiver Zusammenarbeit mit dem polnischen Geiger Paul Kochanski, hat Strawinsky die Pulcinella-Musik nochmals verarbeitet – auch auf diese Weise realisierte sich eine doppelte Vision zweier künstlerischer Partner.

Spiegel im Spiegel ist Arvo Pärts letztes Stück, das er 1978 vor seiner Auswanderung aus der damals Sowjetrepublik Estland, zunächst nach Wien, dann nach Berlin, komponierte. Double Visions wurden so, vielleicht ungewollt, zur Systemfrage. Das Stück besteht aus einer Melodiestimme und der Klavierbegleitung, die nur drei Noten enthält. Der Stücktitel verrät schon, was musikalisch passiert: Jeder aufsteigenden Melodielinie folgt eine absteigende, die das originale Motiv spiegelt. Dieses beginnt zunächst mit nur zwei Noten, denen in jeder neuen Phrase eine weitere hinzugefügt wird. So entsteht der Eindruck von Endlosigkeit. Die Bewegungen der Melodiestimme führen immer von dem zentralen Ton a‘ weg oder zu ihm hin., das Konstruktionsprinzip gleicht einem X, bei dem die Melodie entweder vertikal oder horizontal gespiegelt wird, und diese Doppelung erklärt den Titel: Spiegel im Spiegel. Diese Rückkehr zum Zentralton war für den Komponisten »wie eine Heimkehr«, während er die Klavierbegleitung als einen »Schutzengel« bezeichnete. Dabei spielt die rechte Hand aufsteigende F-Dur-Dreiklänge, die über der Melodiestimme liegen. Dazu kommen dann noch Einzeltöne der Tonart F-Dur, die die Melodiestimme umspielen wie Glöckchen und für die der Komponist den Begriff »Tintinnabuli-Stil« prägte. Das Stück wird gerne für Tanztheaterproduktionen oder für Film-Soundtracks verwendet, zuletzt im Tatort Die Nacht gehört dir von 2020.

In seiner Histoire du Tango erzählt Astor Piazzolla die Geschichte des Tangos von der Zeit seiner Entstehung bis heute: Um 1900 ist der Tango die Musik der Bordelle in Buenos Aires. Er wird zunächst von Gitarre und Flöte gespielt; später gesellen sich Klavier und Bandoneon hinzu. Die Musik ist anmutig, lebhaft und gutgelaunt, ganz wie die Immigrantinnen aus dem Südwesten Europas, die in den Bordellen der argentinischen Hauptstadt leben und Kundschaft aus allen Schichten anlocken.
Dreißig Jahre später ist der Tango die Musik der Cafés geworden. Man tanzt ihn nicht mehr wie noch 1900, sondern hört ihn sich an. Er wird musikalisch reicher und romantischer, auch melancholischer durch Verlangsamung und die Verwendung neuer Harmonien. Der Tango wird nicht mehr von einem Duo oder Terzett gespielt, sondern von einem kleinen Orchester, das aus zwei Geigen, zwei Bandoneons, einem Klavier und einem Bass besteht.
Weitere dreißig Jahre später, um 1960, wird der Tango in den Night Clubs gespielt. Er entwickelt sich dank Einflüssen aus der ganzen Welt weiter, u.a. verbrüdert er sich mit dem brasilianischen Bossa Nova.
Der konzertante Tango von heute greift Elemente der Neuen Musik auf. In ihm finden sich Reminiszenzen an Béla Bartók, Strawinsky und andere – laut Piazzolla ist das »der Tango von heute, der Tango von morgen«.

Michael Kerstan

Liedtexte – Henry Purcell

Sound the Trumpet

(Text by Nahum Tate, 1652–1715)

Sound the trumpet till around
You make the listening shores rebound.
On the sprightly oboy play.
All the instruments of joy
That skillful numbers can employ
To celebrate the glory’s of this day.

Es töne der Trompetenschall

(deutsch von Michael Kerstan)

Es töne der Trompetenschall
bis sein Echo von den Ufern hallt.
Und die muntre Oboe spielt.
Jedes freudige-Instrument,
das einen begabten Spieler kennt,
feiert diesen ruhmreichen Moment.


No, resistance is but vain

(Text by Anthony Henley, 1667-1711)

No, no, no, no, Resistance is but vain,
And only adds new weight to Cupid’s Chain:
A Thousand Ways, a Thousand Arts,
The Tyrant knows to Captivate our Hearts:
Sometimes he Sighs imploys, and sometimes tries
The Universal Language of the Eyes:
The Fierce, with Fierceness he destroys:
The Weak with Tenderness decoys.
He kills the Strong with Joy, the Weak with Pain:
No, no, no, no, Resistance is but vain.

Nein, Widerstand, der nützt hier nicht

(deutsch von Michael Kerstan)

Nein, nein, nein, nein, Widerstand, der nützt hier nicht,
er hängt an Cupidos Ketten nur noch mehr Gewicht:
Mit tausend Künsten, tausend Weisen
kann der Tyrann uns das Herz entreißen:
Mal setzt er Seufzer ein, und hilft das nicht,
dann, altbewährt, er mit den Augen spricht.
Kämpferische besiegt er kampfestoll,
Schwache betört er liebevoll.
Starke besiegt mit Lust er, Schwachen er den Willen bricht:
Nein, nein. nein. nein, Widerstand, der nützt hier nicht.


Liedtexte – Benjamin Britten
Two ballads for two voices and piano

Mother Comfort

(Text von Montagu Slater, 1902-1956)

Dear, shall we talk or will that cloud the sky?
Will you be Mother Comfort or shall I?
If I should love him where would our lives be?
And if you turn him out at last then friendship pity me!
My longing, like my heart, beats to and fro,
Oh that a single life could be both Yes and No.
Ashamed to grant and frightened to refuse –
Pity has chosen: Power has still to choose.
But darling, when that stretched out will is tired
Surely your timid prettiness longs to be overpower’d?
Sure gossips have this sweet facility
to tell transparent lies and, without pain, to cry.

Will you be Mother Comfort or shall I?

Mutter Tröstung

(deutsch von Michael Kerstan)

Schatz, reden wir oder bewölkt das den Himmel?
Willst Mutter Tröstung Du sein oder soll ich?
Wenn ich ihn liebte, wo wollte unser Leben hin?
Wenn du ihn endlich rauswirfst, dann,
Freundschaft, erbarme dich.
Die Sehnsucht, wie mein Herz, schlägt hin und her,
Oh, wenn ein einzig Leben ja und nein doch wär‘.
Scham, zu gewähren und Angst, zu verweigern
Mitleid hat entschieden: So muss es noch die Macht,
Doch Liebste, wenn der Wille überdehnt erscheint und müde,
schmachtet die scheue Schönheit danach, überwältigt zu werden.
Gewiss hat Klatsch leicht die Gelegenheit
zu durchsichtigem Lug und schmerzlosem Schrei.

Willst Mutter Tröstung Du sein oder soll ich?


Underneath an Abject Willow

(Text by W.H. Auden, 1907-1973)

Underneath an abject willow,
Lover, sulk no more.
Act from thought should quickly follow.
What is thinking for?
Your unique and moping station
Proves you cold;
Stand up and fold
Your map of desolation.

Bells that toll across the meadows
From the sombre spire
Toll for these unloving shadows
Love does not require.
All that lives may love; why longer
Bow to loss
With arms across?
Strike and you shall conquer.

Geese in flocks above you flying,
Their direction know;
Brooks beneath the thin ice flowing,
To their oceans go;
Coldest love will warm to action,
Walk then, come,
No longer numb,
Into your satisfaction.

Unter einer erbärmlichen Weide

(deutsch von Michael Kerstan)

Unter einer erbärmlichen Weide,
Liebster, schmoll‘ nicht mehr.
Tat soll schnell Gedanken folgen.
Wofür ist Denken gut?
Dein besondrer und beleidigter Zustand
zeigt deine Kälte;
Steh auf und falte
deinen trostlosen Plan zusammen.

Glocken läuten von den Wiesen herüber
vom düsteren Kirchturm,
Läuten für diese lieblosen Schatten
Die Liebe nicht verlangt.
Alle diese Leben mögen lieben, warum länger
sich dem Verlust beugen?
Mit verschränkten Armen?
Schlag zu und du wirst siegen.

Gänseherden fliegen über dich hinweg,
sie wissen, wohin;
Unter dünnem Eis fließen Bächlein
zu ihren Ozeanen;
Kälteste Liebe wird sich zur Tat erwärmen,
Laufe, komm,
nicht länger stumpf,
in deine Zufriedenheit.