Gastspiel II/III –
Zwischen Gestern und Morgen

Vorwort von Frances Pappas und Gero Nievelstein


Zwischen Gestern und Morgen ist der Titel des zweiten Kammermusikfestivals in unserer „Gastspiel“-Trilogie, in der wir Kunstschaffende einladen, das Festivalprogramm zu kuratieren. Der Pianist Nicholas Rimmer war im vergangenen Jahr unser erster, mitreißender Gast und hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. In diesem Jahr haben wir den jungen Bariton Elliott Carlton Hines eingeladen, um mit seiner sehr persönlichen Sicht auf Musik das Programm für die Konzerte im September zusammenzustellen.

Als wir im vergangenen Herbst in einer Vorankündigung schrieben, dass es programmatisch um Veränderungen im Leben gehen wird, war die Corona-Pandemie noch weit entfernt wie eine grausige Zukunftsvision. Diese Art von Veränderung hatten wir weder gemeint noch vorausgeahnt.

Die Wirklichkeit hat uns auf erschreckende Weise deutlich gemacht, dass es tatsächlich eine unausweichliche Notwendigkeit ist, sich auf Veränderungen im Leben einzustellen – sie treten ein. Oft vorhersehbar, manchmal überraschend – selten aber mit solch globaler Wucht, wie wir sie im Frühling dieses Jahres erlebt haben.

Zwischen Gestern und Morgen beschreibt das Bewusstsein für den Moment, der sich aus der Vergangenheit speist und eine Zukunft verspricht. Darstellende und musizierende Kunstschaffende erleben diesen Moment in ihrer Arbeit nochmal auf eine ganz besondere Weise. Und auch während dieser Pandemie. Wir haben uns die Entscheidung, das Kammermusikfestival durchzuführen, nicht leicht gemacht. Zwei Gründe gaben letztendlich den Ausschlag: zum einen beobachten wir – bei aller Vorsicht – das Bedürfnis, in Gemeinschaft mit anderen Musik zu erleben. Das gilt für die Aktiven auf der Bühne und das Publikum gleichermaßen. Zum anderen ist es unsere Aufgabe als Kunstschaffende, den Augenblick als den zu nehmen, der er ist, ihn zu reflektieren und ihn auch künstlerisch zu begleiten.

Im September kommen nun allen Unwägbarkeiten zum Trotz über 20 meist junge MusikerInnen aus vielen verschiedenen Ländern der Welt in Nürnberg zusammen und spielen für Sie ein anregendes und anspruchsvolles Konzertprogramm.

Wir sind sehr gespannt, wie Sie und die MusikerInnen die Konzerte erleben werden. Für einige auf beiden Seiten wird es die erste Begegnung seit dem Lockdown im März sein. Es wird ein sich Erinnern, ein Wiederentdecken und ein erster gemeinsamer Schritt in ein Morgen, von dem wir wissen, dass es kommen wird, von dem wir aber nicht wissen, wie es aussehen wird. Das ist eine der wenigen Gewissheiten, die wir haben. Elliott Hines lädt Sie mit seiner überraschenden Programmauswahl zu einer künstlerischen Auseinandersetzung damit ein.

Frances Pappas, Gero Nievelstein

Grußwort

Prof. Dr. Julia Lehner
Bürgermeisterin der Stadt Nürnberg


Veranstalterinnen und Veranstalter haben es derzeit schwer. Angesichts der Umstände, die mit der Corona-Pandemie einhergehen stehen sie vor der herausfordernden Aufgabenstellung, ein liebevoll wie mühevoll kuratiertes, umfangreiches Programm – entgegen aller Hoffnungen auf rasche Rückkehr zum schmerzlich vermissten »Normalbetrieb« – auf die derzeit vorgeschriebenen und möglichen Bedingungen hin anpassen zu müssen.

Nicht anders erging es heuer dem Kammer Musik Theater International e. V., der seit vielen Jahren das kulturelle Leben Nürnbergs mit der Ausrichtung des Bridging Arts Kammermusikfestival wesentlich bereichert. 2020, zur nunmehr 19. Ausgabe des Festivals, heißt es nun, den Geist der Zeit aufnehmend, »Zwischen Gestern und Morgen«. Das Motto der Festspiele weist, wohl sehr bewusst formuliert, auf das Gefangensein: Zwischen dem Blick auf eine unsichere Zukunft und einer Vergangenheit, in der Begegnungen zwischen Musikerinnen und Musikern und ihrem Publikum so selbstverständlich schienen.

Auf dem Weg in diese Zukunft bereiten uns im Hier und Jetzt die musikalischen Eskapaden während der Festival-Tage kleine wie große Freuden. Anlass hierfür gibt etwa das beachtliche Jubiläum des Formates EINE GUTE HALBE STUNDE, das während des Festivals traditionellerweise das Rahmenprogramm bildet und zum 100. Mal stattfinden wird. Gespannt sein darf man zudem auf eine performative Intervention am in frischem Glanz scheinenden Beethoven-Denkmal am Neutorgraben. Neugier entfacht ein Late-Night-Programm in der Aussegnungshalle des Johannisfriedhofs. Wunderbare Musikerfahrungen versprechen die Konzertabende im Aufseßsaal des Germanischen Nationalmuseums, im Dokumentationszentrum Reichsparteitage sowie in St. Martha.

Die Mischung aus anspruchsvollem Bühnengeschehen und attraktiven Präsentationsorten ist Garant für ein wunderbares Festival und Nachweis dafür, dass es den Verantwortlichen gelungen ist, trotz der erschwerten Bedingungen bei Planung und Umsetzung, ein attraktives Programm Wirklichkeit werden zu lassen. Für diesen Einsatz im Vorfeld der Konzerte möchte ich mich bei allen Beteiligten sehr herzlich bedanken wie auch bei allen Förderern und Unterstützern, die das Festival in dieser Form erst möglich machen. Insbesondere freue ich mich aber für die Musikerinnen und Musiker und ihr Publikum, denen ich anregende und fröhliche Bühnenmomente wünsche.

Einführung des Gastkurators
Elliott Carlton Hines

Das Ziel einer jeden musikalischen Darbietung ist es meiner Meinung nach, einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen zu leisten. Ob es darum geht, jemandem Freude zu bereiten, Mitgefühl und Solidarität auszudrücken mit dem Schmerz anderer, etwas in jemandem freizusetzen oder ihn oder sie zu stärken oder einfach nur zu unterhalten – eine musikalische Aufführung kann das Leben eines Menschen verändern.
Niemand von uns kann sich sicher sein, dass sie oder er morgen noch hier ist. Also ist es für uns MusikerInnen das Mindeste, zu versuchen, die Zeit, die wir alle hier auf diesem Planeten haben, mit Musik ein wenig zu bereichern. Meine Hoffnung ist, mit dem diesjährigen Festival-Programm die vielen verschiedenen Aspekte unseres Daseins teilen und erforschen zu können.

Dafür habe ich hauptsächlich Musik ausgewählt, die ich einfach liebe, Musik, die unsere MusikerInnen lieben oder Musik, die sie selbst geschrieben haben. Möglicherweise gefällt Ihnen nicht alles oder Sie sind mit der Auswahl nicht einverstanden. Das ist in Ordnung. Nehmen Sie mit, was Sie möchten, lassen Sie zurück, was Sie nicht mögen, oder stellen Sie Fragen über Dinge, die Sie nicht verstehen. Ich freue mich über Ihre Meinung.

Wir leben in Zeiten vieler sozialer Unruhen und Verunsicherungen, die sich in der Welt abspielen. Als schwuler, schwarzer Texaner musste ich mich im Laufe der Programmgestaltung oft fragen: Was bedeutet das für mich als Künstler und als Kurator eines Kammermusikfestivals? Ich halte es für wichtig, dass wir miteinander über die Dinge sprechen, die uns Unbehagen bereiten. Lassen Sie uns darüber sprechen, ob es in Ordnung ist, Hermann Zilchers Musik aufzuführen oder über das Trauma der Lukrezia zu singen, ein Trauma, unter dem viele Menschen täglich leiden. Lassen Sie uns fragen, wie Musik von heute Seite an Seite mit den Meisterwerken von gestern bestehen kann.

Ich bin sehr dankbar, dass Frances, Gero und Dorle mir die Kuratierung des Bridging Arts Kammermusikfestivals anvertraut und mich im gesamten Prozess so großartig unterstützt haben. Ich möchte mich auch bei den MusikerInnen für ihre Flexibilität und Offenheit bedanken, besonders die vergangenen Wochen erforderten von allen viel Geduld.
Ich freue mich so sehr, dass Sie zu den Konzerten dieses Festivals kommen, Sie zu treffen, mit Ihnen zu sprechen, Ihnen zuzustimmen oder zu widersprechen und mit Ihnen Musik zu teilen. Meine Hoffnung ist, dass Sie etwas von dem, was Sie in den Konzerten erleben werden, mit nach Hause nehmen, wenn sich unsere Wege wieder trennen müssen.

Kommen Sie einfach so, wie Sie sind, in einem Anzug, einem Kleid, einer Jeans, einer Jogginghose (meine Vorliebe), oder was immer Ihnen gefällt. Ich freue mich darauf, Sie kennen zu lernen.

Herzliche Grüße
Elliott Carlton Hines